«Irgendwann wurde uns klar: Wir gehen nicht zurück in die Stadt»

SRF, 5. August 2018

Warum ziehen Menschen vom Land zurück in die Stadt? Oder aus der Stadt in ein Bauernhaus? Zwei Umzugsgeschichten. Autor: Benedikt Hofer

Die Agglomeration als das Dazwischen

Beobachtete Unterschiede in der Lebensart müssen differenziert beurteilt werden, so Zimmerli. «Versuchen Sie mal, in der Stadt jeden mit ‹Grüezi› zu grüssen – da würden Sie nicht mehr aufhören.» Der persönliche Lebensraum gebe vor, welche Handlungsmöglichkeiten sich einem überhaupt bieten, sagt die Wohnsoziologin. Zudem müsse ohnehin das Dazwischen, die «Agglomeration», als Kategorie eingeführt werden, wenn man sozialwissenschaftlich vernünftig arbeiten möchte, sagt Zimmerli.
Die Agglo ist kein Dorf aber auch keine Kernstadt. Die räumlichen Strukturen und sozialen Milieus sind eigen. Zudem wächst sie und wird wichtiger. Wer hierzulande verstehen will, wie und ob sich Raum und Mensch beeinflussen, muss die Agglo berücksichtigen.

Grossen Städten sagte man früher auch «A-Städte»: für Arme, Arbeitslose, Alte und Alkoholiker. Wer konnte, zog aufs Land. Das illustrieren Zahlen des Kantons Zürich exemplarisch. Lebten zu Beginn der 1960er-Jahre noch fast die Hälfte der Kantonsbewohner in der Stadt Zürich, waren es zur Jahrtausendwende nur noch rund ein Viertel – lange Zeit herrschte Stadtflucht. Das hat sich geändert. Etwa seit dem Jahre 2000 nimmt der Anteil jener im Kanton, die in einer grossen Stadt wohnen, nicht mehr weiter ab. Er stagniert. Dass die Kernstädte jüngst nicht mehr als unattraktiver Wohnort gelten, zeigen auch Auswertungen des Büros Zimraum zum Thema Familien und Kinder. So ist der Kleinkindanteil mittlerweile in den Grossstädten Basel, Zürich und Bern in etwa gleich gross wie im übrigen Kanton. Bis in die 1990er-Jahre lebten noch deutlich weniger Kleinkinder in den Grossstädten als im übrigen Kantonsgebiet. Seit etwa dem Jahr 2000 werden in den Städten Bern, Basel und Zürich relativ zur Bevölkerung auch wieder mehr Kinder geboren. In Zürich und Basel mittlerweile sogar mehr als im übrigen Kantonsgebiet.

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