«Quartiere gewinnen klar an Bedeutung»

Christoph Merian Stiftung, Dezember 2014

Die Christoph Merian Stiftung ist 2011 bis 2015 im Förderschwerpunkt Soziales und Stadtentwicklung tätig. Im Bulletin «Wohl & That» informiert sie, wie sie ihre Stiftungsziele umsetzt.

Interview im St.Johann-Quartier mit Joëlle Zimmerli:

Wir befinden uns hier im Quartierzentrum LoLa im St. Johann: Welche Bedeutung haben Quartierzentren für das Zusammenleben in der Stadt?

Quartierzentren sind Orte, wo das Quartier sichtbar wird, sie sind der räumliche Ausdruck der Netzwerke im Quartier. Es gibt zwar kaum mehr Bewohnerinnen und Bewohner, deren Radius sich nur aufs Quartier beschränkt; dennoch ist das Quartier ein wichtiger Bezugsraum und als Manifestation der lokalen Kräfte auch das Quartierzentrum, hier kann niederschwellig Vernetzung, Austausch und Aktivität stattfinden.

Was kann das Quartier, was die Stadt nicht kann?

Das Quartier kann lokale Interessen bündeln. Es bildet die Schnittstelle zu denjenigen, die sich engagieren, sei es als Gewerbetreibende, Kulturschaffende oder Anwohner. Es mobilisiert diejenigen Ressourcen, die sich aus den Aktivitäten im Perimeter des Quartiers ergeben. Allerdings hat die Potenz des Quartiers auch seine Grenzen: Das Quartier hat keine einheitliche Stimme, man kann nicht sagen: «Das Quartier wünscht», das Quartier an sich ist nicht repräsentativ. Es hat immer auch eine Funktion als Teil der gesamten Stadt und wird von Menschen genutzt, die weniger fassbar sind und nur eine bestimmte Zeit ihres Alltags hier verbringen, etwa Erwerbstätige, Einkaufende, Touristen oder Bewohner, die sich nach aussen orientieren.

Wie verändern sich die Quartiere zurzeit? Wohin entwickeln sie sich?

Die Quartiere gewinnen innerhalb des städtischen Ganzen klar an Bedeutung. Als gegenläufige Tendenz zur Globalisierung, zur Mobilität bei der Arbeit und im Alltag lässt sich bei der Bevölkerung eine Rückbesinnung aufs Lokale und die kurzen Wege festmachen, auf die Quartierbeiz, den Wochenmarkt oder den Quartierpark. Weiter manifestiert sich innerhalb der Quartiere in den letzten Jahren verstärkt der Wille, sich in unterschiedlichen Formen partizipativ an Planungsvorhaben zu beteiligen. Und gerade hier werden die Quartiere als Schnittstelle zur Stadtplanung weiter an Bedeutung gewinnen. Denn die Stadt entwickelt sich vor allem über verdichtetes Bauen, und dazu möchten sich die Quartierbewohnerinnen und -bewohner äussern; gerade wenn es um den Zugang zu neu gestalteten Freiräumen geht, möchten sie einbezogen werden.

Wo sehen Sie in Zukunft die grössten Chancen für die Quartierentwicklung?

Als Akteur in der Quartierentwicklung muss ich in erster Linie mit bestehenden Strukturen und Initiativen arbeiten. Quartierentwicklung muss sich als Netzwerk verstehen, das Bestehendes bündelt und Zugänge aufzeigt und schafft. Bei der Quartierentwicklung geht es um mehr als
um bauliche Veränderung. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung zum Beispiel gilt es, die Angebote im Quartier, die ja vorhanden sind, der Zielgruppe der älteren Menschen anzupassen und ihnen bekannt und zugänglich zu machen. Damit kann dem Wunsch vieler alter Menschen entsprochen werden, möglichst lang in ihrer Wohnumgebung zu bleiben.

Und für die Quartierarbeit?

Die Stadtteilsekretariate und die Quartierkoordination müssen bei Bau- und Stadtentwicklungsprojekten noch früher einbezogen werden. Sie sind die wichtigen Player in der Partizipation und darin, Betreibende von Quartiernutzungen – also von Gewerberäumen, Versorgung oder öffentlichen Angeboten – frühzeitig ins Spiel zu bringen, wenn es um die Planung von Arealen oder Neubauten geht. So kann geprüft werden, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt der Einbezug der Bevölkerung oder des interessierten Gewerbes sinnvoll ist.
Bei den Quartiertreffpunkten sehe ich Potenzial beim Anbieten von Räumlichkeiten. Ich glaube, dass Möglichkeiten für bedürfnisgerechte Nutzungen geschaffen werden könnten wie z.B. temporär nutzbare Arbeitsplätze mit Infrastruktur oder eine niederschwellig nutzbare Werkstatt. Gerade jene Raumangebote, die mit einer klaren Funktion belegt sind, entwickeln sich oft zu Treffpunkten. Man geht hin, um ein Brett abzuhobeln, und geniesst darüber hinaus noch vielmehr das Gespräch danach beim Kaffee.

Interview: Monika Wirth

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